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Ethischer Konsum- eine Utopie?

Über den Versuch, ein guter Mensch zu sein, zu schreiben, fällt nicht leicht in dieser Zeit, in der „Gutmensch“ ein Schimpfwort ist, in der Rücksichtnahme und Empathie mit Schwäche und Naivität gleichgesetzt werden, in der scheinbar lieber Selfies gemacht werden statt etwas zu verändern, in der unser Denken nicht von persönlicher Entwicklung, sondern Konkurrenz dominiert wird.

Hier also meine ganz persönliche Abhandlung dazu, ob man überhaupt ethisch korrekt konsumieren kann. Der Fokus liegt auf ‚persönlich‘! Wenn du nicht mit meiner Haltung übereinstimmst, ist das völlig in Ordnung und falls du einen konstruktiven Beitrag hast, freue ich mich über einen Kommentar.

Es geht mir ausdrücklich nicht darum, eine ‚Anleitung für das perfekte Verhalten‘ vorzulegen oder den moralischen Zeigefinger zu heben, sondern lediglich um Denkanstöße.

Rebellion braucht Bildung

Ganz oben in der Liste von Überlegungen zum Thema ‚Wie möchte ich leben?‘ stehen ganz klar meine eigenen ethische Grundsätze. Ich bin davon überzeugt, dass es ein schützenswertes Grundrecht jedes Lebewesens ist körperlich, psychisch und emotional nicht ausgebeutet zu werden, einfach gesagt gewaltfrei zu leben. Dieses Recht wird permanent verletzt (im Kleinen, etwa wenn ich von einer anderen Person betrogen werde, aber auch im Großen- Massentierhaltung, Billigproduktion von Konsumwaren im Ausland, sexualisierte Gewalt)… die Liste an offensichtlichem Unrecht ist unendlich.

Ich bin nicht bereit, diese Zustände als gültigen Status Quo zu akzeptieren und das werde ich niemals sein- und zwar unabhängig davon, wie klein das Unrecht im Einzelnen erscheinen mag und ebenso unabhängig davon, ob meine Bemühungen von direkt messbarem Erfolg gekrönt sind.

Zur Bildung und Umsetzung eigener Werte ist es grundlegend wichtig, sich ein Bild derzeit herrschender Verhältnisse zu machen- denn nur so kann ich einen eigenen Standpunkt entwickeln. Es ist also relevant, sich generell für die Welt und was auf ihr passiert zu interessieren. Dann gilt es Farbe zu bekennen und Initiative zu ergreifen, damit aus Gedanken und Worten Handlungen werden können, die dann Positives stärken und Defizite verbessern.

Gute Entscheidungen treffen: eine Kunst?

In den meisten Fällen, die mir spontan in den Sinn kommen, reicht es für eine gute Entscheidung schon aus, kein Arschloch zu sein, seine*n Partner*in oder seine Kinder nicht zu schlagen beispielsweise, seine Haustiere gut zu behandeln, fair mit seinen Mitmenschen umzugehen. In vielen anderen Fällen ist die Entscheidung zwischen „richtig“ und „falsch“ entweder nicht direkt offensichtlich oder auch nicht schwarz-weiß eindeutig zu beantworten und bedarf einer sehr persönlichen und direkten Auseinandersetzung.

Ein simples Beispiel hierzu: Im Supermarkt gibt es die Entscheidung zwischen der Bio-Gurke aus der Region in Plastik verpackt und der unverpackten Gurke aus Spanien. Das „richtig“ und „falsch“ ist hier nicht eindeutig festzustellen, sondern die Entscheidung obliegt persönlichen Prioritäten: bio, regional, plastikarm, fair produziert und gehandelt, geschmackvoll… Fest steht, ich kann kann in diesem Szenario keine Konsumentscheidung treffen, die meinen Grundsätzen 100%ig entspricht.

Eine Alternative könnte sein, für unterschiedliche Güter in zig verschiedene Läden zu gehen (Biomarkt, Supermarkt, Discounter) oder bestenfalls selbst zu produzieren (Obst und Gemüse aus dem Garten, Pflanzenmilch selber zuhause machen…), aber wir sind uns sicherlich einig, dass die Umsetzung dieser Maßnahme an der Lebensrealität einer bspw. voll berufstätigen oder familiär stark eingebundenen Person vorbeigeht. Es gilt also, Kompromisse einzugehen, aber auch Prioritäten zu setzen.

Trotzdem, das Ziel bleibt: Ein gewaltfreies Leben für Alle, bei dem die Freiheit des einen dort aufhört, wo die des anderen beginnt. Damit das gelingt, ist es nötig, mich, meine Einstellungen und Entscheidungen immer wieder zu hinterfragen, anzupassen und mich zu verändern. Das ist, gelinde gesagt, anstrengend. Und es ist es wert.

Ganz eindeutig ist diese Arbeit an mir selbst längerfristig nicht primär von Dispziplin, Entbehrung und Anstrengung geprägt, sondern gibt mir einen extremen Mehrwert (persönliche Entwicklung und Entfaltung, mir selbst und anderen gerechter werden, ökologische / soziale / emotionale Bildung, Standpunktbildung, Diskussionsfähigkeit…), ohne den ich mir ein erfülltes Leben gar nicht mehr vorstellen kann.

Kontraktualistische vs utilitaristische Ethik

Ist es eine persönliche Entscheidung, sich für die Rechte und Belange anderer zu interessieren und einzusetzen? Ich denke nicht. Wir alle sind Teil des Ganzen, unserer Familie, unserer Gesellschaft, der Weltbevölkerung, der Lebenden (inkl. Nicht-menschlicher Tiere) und wir haben eine Verantwortung, derer wir uns nicht entziehen sollten. Eine Verantwortung unser Zuhause, den Planeten, zu erhalten- für diejenigen, die schon jetzt unter den Folgen unserers Handelns leiden (Versteppung mit Trinkwasserknappheit, Wirbelstürme, Meeresspiegelanstieg, Ausbeutung, Intensivhaltung von Tieren…) und für die, die es in Zukunft tun werden (Stichwort Generationenvertrag). Es ist Teil unserer Daseinsberechtigung, dafür zu sorgen, dass wir die Welt und die darauf herrschenden Strukturen nicht noch mehr kaputt machen und sie stattdessen zu einem lebenswerten Ort für alle machen. Wir sind miteinander hier- nicht, um uns gegenseitig zu benutzen!

Also ja, meine Handlungen unterwerfen sich primär einer utilitaristische Ethik,einer, die sich im Gegensatz zu kontraktualistischen Ethik („Gesellschaftsvertrag“ = Sachen, die erlaubt sind, sind legitim) nicht auf das bloße Befolgen moralischer Gebote stützt (nicht töten, nicht stehlen…), sondern die das große Ganze im Blick behält, die sieht, das Handlungen Auswirkungen haben und als höchstes Ziel die Vermehrung von Glück (bzw. die Verminderung von Leid) auf der Welt hat.

Für mich ist dieser Ansatz die logische Konsequenz aus dem Versuch empathisch und gerecht zu sein ohne eigene und gesellschaftliche moralische Grundsätze aus den Augen zu verlieren: Es ist nicht alles gerecht, was rechtens ist- man bedenke, dass lange Zeit auch Sklaverei erlaubt war, Frauen durften nicht wählen etc. und auch hier wurden Veränderungen nur durch Personen erwirkt, die diese gesetzl. moralische Legitimierung nicht angenommen und zum persönlichen Vorteil ausgenutzt haben.

Unperfektheit akzeptieren lernen

Niemand ist perfekt, mich selbst selbstverständlich eingeschlossen. Ich treffe nicht immer ideale Entscheidungen, auch, wenn mir das in vielen Fällen im Augenblick des Konsums bewusst ist.

Ein Beispiel: Ich kaufe manchmal Kleidung, bei der ich weiß, dass sie nicht fair und unter starken Umweltbelastungen produziert wurde. Ich mag diesen Umstand nicht und ich kann mein eigenes Handeln in diesem Fall mit nichts außer Gewohnheit und Bequemlichkeit durch ständige Verfügbarkeit begründen. Jetzt aber der Knackpunkt: Ich kann mich verändern und das will ich. Es wird nicht über Nacht passieren, aber es passiert und darauf kommt es an.

Ich möchte nicht zu dem Teil der Gesellschaft (und Menschheit) gehören, der blind konsumiert und frisst, was ihm vorgesetzt wird. Ich habe Macht! Ich habe die Macht, die Dinge auf der Welt zu verändern, in dem ich mich verändere. Diese Gewissheit ist unerlässlich, damit ich überhaupt ins Handeln komme, denn: wer, wenn nicht ich, wird etwas verändern?

Wir brauchen nicht darauf zu warten, dass Andere (Mitmenschen, Politiker*innen, Konzerne…) ihrer Verantwortung gerecht werden, sondern der Kurswechsel kann nur bei uns selbst in Gang kommen- frei nach dem Motto: verändere die Welt durch dich selbst.

Wo anfangen, wo aufhören?

Es gibt schier unendlich viel Unrecht und Elend auf der Welt und an fast allem sind wir Menschen selbst schuld. Nicht ich als Person, nicht du- wir, in unserer Gesamtheit. Das Problem ist, dass es angesichts dieser massiven sozialen, politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen schwer fallen kann, einen guten Anfang zu finden. Unbestreitbar haben wir als Einzelperson nicht die Macht,alles und sofort zu verändern und von diesem Anspruch müssen wir uns verabschieden, damit wir aktiv werden können.

„Gebt mir einen festen Punkt und ich hebe die Welt aus ihren Angeln.“

-Archimedes

Die stärkste Macht, die wir als Einzelne haben, ist unsere Kaufkraft, davon bin ich überzeugt. Die Geschicke der Welt werden nur scheinbar in den Plenarsäälen dieser Welt von hochrangigen Politiker*innen entschieden- denn hinter politischen Entscheidungen stehen primär wirtschaftliche Interessen und da kommen wir ins Spiel.

Produkte (und Leistungen), die stärker nachgefragt werden, werden verstärkt angeboten; der Markt orientiert sich an dem Verhalten der Konsument*innen. Das heißt, wenn wir eine erhöhte Nachfrage für fair, regional, plastikarm, bio(-dynamisch), vegan (…) produzierte Waren generieren, werden diese vermehrt angeboten- der Konsum anderer Güter sinkt. Die ‚Wirtschaft‘ als solche kann man sich wie ein seelenloses Ungetüm vorstellen- sie richtet sich nicht nacheigenen moralischen Maßstäben, sondern ist lediglich an Wachstum bzw. Profitmaximierung interessiert- egal zu welchem (unethischen) Preis. Diese Maschinerie können wir für uns nutzen, in dem wir die Weichen durch unser Konsumverhalten umstellen. Das ist m.E. der direkteste Weg um Einfluss auf politischer Ebene zu nehmen- hin zu einer gerechteren Welt auf sozialer und ökologischer Ebene.

Für mich persönliche relevante Fragestellungen bei Konsumentscheidungen sind unter anderem:

  • Unter welchen Bedingungen wurde die Ware produziert? Wo? Von wem [Kinderarbeit]? Fair gehandelt? Ressourcenverbrauch bei der Produktion? Logistischer Aufwand [international verschifft oder versand]?
  • Welcher Betrieb/ Konzern ist an der Produktion oder dem Vertrieb beteiligt und wie wirtschaftet dieser? Großkonzern? Familienbetrieb? Firmenpolitik? Berücksichtigung von ökologischen und sozialen Besonderheiten?
  • Verhältnismäßigkeit? Steht die Relevanz des Produktes für mich in Verhältnis zu den Auswirkungen, die sein Konsum mit sich bringt (bspw.: brauche ich diese Rosen aus Afrika gerade wirklich so dringend, dass es wert ist, das vor Ort knappes Trinkwasser dafür verwendet wird)? Kann für den angegebenen Preis das Produkt überhaupt gut produziert worden sein (bspw. halbes Hähnchen vom Grillauto vor dem Baumarkt für 2.50€)? Bei Nicht-Lebensmitteln: Kann das Produkt repariert werden (Langlebigkeit, Qualitätsprodukt) und wie wird es entsorgt?
  • Macht mich dieser Kauf (ggf. längerfristig) zufrieden / befriedige ich damit ein Bedürfnis?
  • Gibt es eine sinnvollere Alternative im Rahmen meiner finanziellen Möglichkeiten?
  • Selbstreflektion hinsichtlich des Einflusses von Werbung auf den Konsumwunsch

Auf den Punkt gebracht

Ich wünsche mir, dass es das ist, was aus diesem Beitrag hängenbleibt:

  • Jede Bemühung ist wertvoll, so klein sie auch sein mag und auch, wenn sie niemand außer dir sieht.
  • Es gibt keine materiellen Güter im Überfluss: das, was einer zu viel hat, hat ein anderer zu wenig. Gerechtes Verteilen funktioniert nicht, wenn wir nicht auch bereit sind unsere Privilegien zu überdenken und unseren Lebensstandart anzupassen.
  • Die Veränderung beginnt bei dir. Hinterfrage deine Einstellungen und Handlungen, bleib kritisch.
  • Sei nicht so hart zu dir: du musst nicht alles perfekt machen, du darfst deine Fehler haben (wir haben sie alle!) und auch du darfst dich entwickeln und das braucht Zeit.
  • Können wir 100%ig immer die perfekte (Konsum-)Entscheidung treffen? Nein. Können wir bessere, bewusstere Entscheidungen treffen unter Berücksichtigung der Belange und Bedürfnisse von uns selbst und anderen? Absolut.
  • „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ sagt meine Mutter und die hat immer Recht (das ist ein Fakt). Wir müssen einfach anfangen- loslassen von Stereotypen, von uns einsperrenden Mustern, selber denken und verändern: Es macht niemand für uns und wir leben in einer stark privilegierten Gesellschaft, in der wir den Luxus haben genau dies zu tun- es gibt keine Ausreden, es nicht zu versuchen.

Lasst es uns anpacken!

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