No Bra: Warum ich keinen BH mehr trage

No Bra benutzen einige Menschen als Abkürzung oder Hashtag #noBra im Internet, um kenntlich zu machen, dass sie keinen BH (mehr) tragen. Du stellst dir die Frage, warum sie das öffentlich machen und was das Ganze überhaupt soll? Ich möchte dir hier einige Aspekte vorstellen, die dir helfen können, zu verstehen, weshalb ich und auch viele andere Frauen* keinen BH mehr tragen und was es damit auf sich hat.

Meinen ersten BH hatte ich mit 12 oder 13 Jahren, jedenfalls definitiv bevor ich Brüste hatte. Ich erinnere mich lebhaft an das erste Mal, als ich den einer Freundin anprobierte: Es war komisch, fühlte sich aber wie der nächste logische Schritt an. Immerhin trugen fast alle Mädchen meiner Klasse schon BHs und der Gedanke, dass er noch völlig unnötig ist, kam mir nicht. Es war etwas „erwachsenes“, etwas cooles.

Von diesem Moment an habe ich unser Haus nie mehr ohne BH verlassen, es wäre eine mittlere Katastrophe gewesen, hätten mich Menschen in Unterwäsche gesehen, von nackt ganz zu schweigen. Mit dem Einzug des BHs ging eine Scham einher, die mich für mehr als 10 Jahre gedanklich an den BH und das Verstecken meines Körpers band.

Erst mit dem wachsenden Wunsch nach größtmöglicher Unabhängigkeit und persönlicher Freiheit, der mich in meinen Mittzwanzigern dann mit voller Breitseite erwischte, kam in mir die Frage auf, warum ich mich jeden Tag in den BH zwänge.

 

Weil es mit BH angenehmer war? Nein, das war es nicht: sobald ich zu Hause war, schlüpfte ich aus BH und Jeans und in die Jogginghose. Mir kam die Frage in den Sinn, warum ich den BH trage, wenn es ohne augenscheinlich angenehmer für mich war. Die einzig logische Antwort darauf war, dass ich es tue, ohne es in Frage zu stellen, da ich es so gelernt habe und es gesellschaftlich als angebracht angesehen wird.

Erst jetzt, nach gut zwei Jahren ohne BH, erkenne ich, wie verquer unsere gesellschaftlichen Standards in dieser Hinsicht noch immer sind.

Ich verrate dir jetzt ein Geheimnis: Die Einzige, der dein Körper gehört, bist du. Und somit bist du auch die Einzige, die darüber bestimmt. Nicht dein*e Freund*in, nicht deine Eltern, Geschwister oder sonstige Verwandte, nicht dein*e Chef*in. Niemand außer dir allein hat etwas zu melden, wenn es um deinen Körper geht! Du bestimmst, wie viel du von deinem Körper zeigen möchtest und nur du allein bestimmst, was du mit ihm machst. Für mich sind die gesellschaftliche Erwartung des Tragens eines BHs eine Beschneidung der Freiheit der Frau*, der von klein auf vermittelt wird, sie habe einen BH zu tragen, um attraktiv und erwachsen zu wirken. Dies erzeugt ein Schönheitsideal, dem keine natürlichen Brüste gerecht werden können, welches dazu führt, dass Frauen* sich in BHs quetschen, um die Form ihrer Brüste zu kaschieren, um sie zu verstecken. Alles mit dem Ziel größtmöglicher Anpassung und somit Steigerung der Attraktivität, welche widerrum gedanklich mit Erfolg verknüpft ist.

Noch ein Geheimnis: Mit der Form deiner Brüste ist alles okay! Alle Brüste sind verschieden groß, schlaffer oder fester, unsymmetrisch und absolut alle Brüste verändern sich. Ich verspreche dir, dass deine Brüste mit 30 anders aussehen werden als mit 20 und dass sie mit 60 anders aussehen werden als mit 40. Und das Verrückte ist: Das ist absolut okay! In unserer Zeit, in der unser Selbstwertgefühl antrainiert oftmals durch die Bestätigung unseres angepassten Erscheinungsbilds genährt wird, streben viele Menschen nach größtmöglicher Bewahrung von Jugendlichkeit, die allerdings ihre natürlichen Grenzen hat und daher zwangsläufig zu Frustration führt.

…und weiter?

Klar, die ganze Thematik hat nicht nur mit dem Tragen oder Nichttragen von BHs zu tun! Genauso geht es darum, dass du dich insgesamt mit deinem Körper auseinandersetzt. Hast du schon einmal von dem Begriff „Bodyshaming“ gehört?

Er umfasst das Gefühl der Gewissheit, mit dem gesellschaftlich durch allerhand Medien aktuell geforderten Schönheitsideal nicht mithalten zu können, da dieser körperliche Zustand nur durch Photoshop oder chirurgische Eingriffe erreicht werden kann. Folglich wird versucht, die eigene Unperfektheit, die eigene Hässlichkeit gar, zu kaschieren und zu verstecken. Und nein, es geht dabei nicht nur um das Gewicht! Der eigene Körper und ebenso der Körper anderer Menschen werden ständig beobachtet, verglichen und bewertet.

Sätze wie „Mit dem Arsch würd ich keine Leggings tragen“ oder „Mit den Waden kann ich keine Röcke anziehen“ sind genauso zu hinterfragen wie die Bezeichnung „Hungerhaken“ oder „Brett“ für dünne Menschen. „Echte Frauen haben Kurven!“ Wirklich? So ein Quatsch! Alle Frauen* sind Frauen*, völlig unabhänging von Konfektionsgrößen, Körpergrößen, Brüsten, Werten, Normen, Einstellungen… Unabhängig von allem! Sätze wie dieser fördern die künstlich anerzogene Fehlbeziehung zum eigenen Körper.

Befrei dich von den gesellschaftlichen Normen, die dir unterschwellig sagen, wo dein Platz ist!

Du spielst die Hauptrolle in deinem Film! Du bist einzigartig und du bist schön! Lass dir niemals von irgendjemandem auf der Welt etwas anderes sagen.

Um wieder zu den BHs zurück zu kommen…

Ich vermisse ihn nicht. Nie. Anfangs war ich noch mit Ängsten und Scham geplagt, bin die ersten zwei, drei Monate auf leichte Sport-BHs umgestiegen, erst dann war ich bereit, gänzlich auf den BH zu verzichten. Mittlerweile besitze ich noch zwei, die ich allerdings zu keiner Gelegenheit mehr trage. Ebenso habe ich mich von allen anderen Kleidungsstücken befreit, in denen ich mich einfach nicht wohlfühle.

 

Was hat sich für mich geändert?

Ganz grundlegend bin ich selbstbewusster geworden, habe ein positives Körpergefühl, eine wesentlich engere Beziehung zu meinem Körper und ich kann einfach besser atmen. All dies kam nicht über Nacht – Sich über sich selbst bewusst zu werden ist Arbeit und dauert das ganze Leben.

Sei also nicht zu hart zu dir, gib dir Zeit für Dich! Du bist wichtig, um nicht zu sagen, das Wichtigste in deinem Leben.

Ich weiß noch genau, wie viele sorgenvolle Gedanken mir der erste Gang „ohne“ im Voraus beschert hat: Werde ich angestarrt werden? Werden Menschen auf Nippel glotzen?

Die Antwort auf diese Frage kann ich dir nicht genau geben. Ich glaube schon, dass Menschen ab und an mal hinsehen, allerdings nicht abwertend, einfach nur beobachtend. Es ist eben etwas nicht ganz alltägliches, es ist neu, es ist ungewohnt – da gucken die Leute eben erstmal.

Die Angst davor, angepöbelt zu werden, hat sich in einigen Fällen bestätigt, mich aber auf meinem Weg eher bekräftigt. Ich habe es noch vor mir, wie mir ein offensichtlich alkoholisierter junger Mann quer durch den Leipziger Hauptbahnhof hinterherrief „Du hast Nippel!“. Ja, stimmt, hab ich. Er vermutlich auch.

In Momenten wie diesem wird mir wieder und wieder bewusst, wie bescheuert der ganze Wind um das Verstecken und „Verschönern“ von unseren Körpern ist. Wir alle haben einen, wir alle sehen anders aus und haben an unterschiedlichen selbst ausgemachten „Makeln“ an uns selbst zu kämpfen. Es ist dabei egal, wen du fragst: Jedes Model wird etwas an sich finden, das sie oder er nicht als „ideal“ ansieht. Es ist eine große Aufgabe und Herausforderung, sich den Einstellungen gegenüber des eigenes Körpers zu stellen, sie zu hinterfragen und letztlich Konsequenzen für sich zu ziehen. Ich wünsche dir ganz viel Erfolg und vor allem: ganz viel Befreiung von vorgelebten Idealen und Meinungen.

Hab dich lieb und sei gut zu dir!

~ Alina

 

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